Der Vorleser - Kurzübersicht

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Übersicht 1
Von: http://pages.vossnet.de/leselust/

Angefangen hat alles damit, daß der Ich-Erzähler Gelbsucht bekam, und am Nachhauseweg von der Schule in einen Hausdurchgang kotzte. Eine Frau hilft ihm beim Beseitigen der Kotze.

Als er wieder halbwegs auf dem Damm ist, drängt seine Mutter ihn, sich bei der Frau zu bedanken, die ihm damals geholfen hatte.

So trifft er wieder auf Hanna, eine Frau, die mit ihren über dreißig Jahren doppelt so alt ist wie er. Ihre Weiblichkeit ist wesentlich üppiger als es ihm an den Mädchen, denen er normalerweise nachsieht, gefällt - doch ihre Haltung, ihre Art, sich zu bewegen fesseln ihn; er kommt wieder, und wird von ihr mehr oder weniger verführt.

In der folgenden Zeit verfällt er ihr total. Am liebsten würde er die ganze Zeit die Schule schwänzen, um mit ihr zusammenzusein - doch sie wird daraufhin sehr zornig, verbietet ihm, zu ihr zu kommen, wenn er keine anständigen Noten in der Schule erreicht. Zu ihren Ritualen gehört auch, daß er ihr vorliest.

Doch eines Tages ist Hanna weg, spurlos verschwunden. Am Tag zuvor hatte er sie im Schwimmbad ignoriert, weil es ihm peinlich war, vor seinen Schulfreunden - seinetwegen, ist er lange überzeugt, ist sie gegangen.

Jahre später. Er studiert mittlerweile Recht und hat sich zu einer Gruppe gemeldet, die die Nürnberger Prozesse beobachten soll. Während er seinen Blick über die Menge schweifen läßt, trifft es ihn wie ein Schlag in die Magengrube: Dort, auf der Anklagebank - das ist Hanna.

Sie wird beschuldigt, gemeinsam mit anderen in den letzten Tagen des Krieges, bei der Verlagerung eines KZ´s, die Häftlinge in eine Kirche gesperrt zu haben, und bei der Bombardierung, der sie dann ausgesetzt waren, hilflos darin eingesperrt gelassen zu haben, ohne die Tür zu öffnen.

Hauptanklagepunkt ist ein Bericht, der kurz nach dem Geschehen verfaßt worden war. Keine der Angeklagten will zugeben, ihn verfaßt zu haben - doch Hanna behauptet, sie wäre es gewesen.

Je länger er diesem Prozeß zuhört, umso mehr manifestiert sich in ihm das Gefühl, etwas zu ihrer Verteidigung unternehmen zu müssen. Kennt er doch das Geheimnis, weswegen sie auf keinen Fall die Verfasserin des Berichtes gewesen sein kann.

Doch er bringt es nicht über sich, dieses sorgsam gehütete Geheimnis gegen Hannas Willen zur Sprache zu bringen - so erhält sie von allen Angeklagten die höchste Strafe.

Er hat sie in all der Zeit nie im Gefängnis besucht. Doch Kassetten hat er ihr geschickt - Kassetten, auf denen er ihr wieder vorliest, wie vor Jahren schon...


Übersicht 2
Dies ist ein ungewöhnliches Buch aus dem Umfeld der Schrecken des Dritten Reiches. Erzählt wird auf kaum mehr als 200 Seiten die Geschichte einer Täterin, einer Frau, die als Aufseherin in einem KZ tief in das Verbrechen der Nationalsozialisten verwickelt war. Dennoch wird nicht aus dem Leben einer Bestie erzählt, sondern - und das ist die Zumutung dieses Buches - aus dem Leben eines Menschen.

Das Buch berichtet davon, daß jemand seine eigene Schuld akzeptiert und versucht, ihr in seinem Leben Rechnung zu tragen. Es ist genau der Fall, nach dem man in den realen Täterbiographien von NS-Tätern bislang immer vergebens gesucht hat, die Geschichte eines einsichtigen, seine Schuld erfahrenden Nazis.

Damit ist aber allenfalls der thematische Rahmen abgesteckt, in dem sich das kleine, sehr präzise und kühl geschriebene Buch bewegt. Es beginnt ganz anders. Nichts deutet auf die tragische Dimension der erzählten Geschichte hin. Über 80 Seiten erzählt das Buch einfühlsam die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einem 16jährigen Jungen und einer gut 12 Jahre älteren Frau. Diese Geschichte, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit um 1950 spielt, wird als ein Balanceakt geschildert, ein gewagtes, ein waghalsiges Glück, über dem von Anfang an der Zauber eines Rätsels liegt. Voller Unschuld wird hier gekonnt und ohne Voyeurismus das sexuelle Erwachen eines Jungen geschildert, der einer vollkommen unverklemmten, seltsamerweise allein lebenden Frau begegnet, die seine Liebe ebenfalls als großes Glück erlebt. Doch die Geschichte der Liebe bricht nach 70 Seiten genau so unverhofft ab, wie sie begann. Die Hauptheldin verschwindet, ohne daß man erkennen könnte, warum.

Ein zweiter Teil des Buches erzählt chronologisch den weiteren Fortgang der Lebensgeschichte des Jungen. Er studiert Jura bei einem Professor, der die NS-Prozesse der 60er Jahre juristisch beobachtet, und findet als junger Referendar und Prozeßbeobachter die Frau, die so unverhofft aus seinem Leben verschwand, plötzlich als NS-Täterin auf der Anklagebank wieder. Sie wird angeklagt, auf bestialische Weise noch in den letzten Kriegsmonaten an der Ermordung von KZ-Gefangenen beteiligt gewesen zu sein. Die Begegnung ist ein tiefer Schock für den jungen Juristen, der die Frau wiedersieht, die er geliebt hat und die er angesichts der Anklage nicht mehr lieben will. Anders als die anderen auf der Anklagebank sucht die Angeklagte ihr Heil jedoch nicht in Lügen und Beteuerungen der eigenen Unschuld. Sie stellt sich den Fakten, die sie belasten, erwähnt aber auch, was für sie spricht.

Ein ergreifender Teil der Liebesgeschichte des Beginns war auch das Glück des Vorlesens, denn diese Frau war, was sowohl ihrem Freund als auch dem Leser nur langsam dämmert, Analphabetin. Nach und nach enthüllt sich eine unglaubliche in der ersten Geschichte versteckte zweite Geschichte, die den tragischen Lebenslauf der Angeklagten plötzlich in einem anderen Licht sehen läßt. Der juristische Beobachter und mit ihm der Leser weiß, daß die Angeklagte ein wichtiges Dokument, das zu ihrer Verurteilung zu lebenslanger Haft führt, nicht gelesen und erst recht nicht geschrieben haben kann, wie ihre Mitangeklagten behaupten. Dennoch akzeptiert sie wortlos ihr Urteil - und damit moralisch die Schuld, die juristisch gar nicht zu sühnen ist. Im dritten Teil des Buches wird erzählt, wie der Erzähler nach Jahren wieder mit der Frau, nun Gefängnisinsassin, Kontakt aufnimmt. Über Jahre hinweg sendet er ihr Tonbandmitschnitte ins Gefängnis, auf denen er ihr - so wie er es in der glücklichen Periode tat - Bücher vorliest. Er knüpft ein Band wieder an, das zerrissen war. Nach vielen Jahren endlich erhält er eine handgeschriebene Karte, in der die Frau sich bedankt und erstaunlich einfühlsame Kommentare zum Gelesenen abgibt. Es wird sichtbar, daß sie im Gefängnis lesen gelernt hat.

Das Buch ist weder in seiner Tragik noch in seiner berührenden Tiefe beschreibbar. Die Täterin wird als Opfer geschildert. Das macht die außergewöhnliche Zumutung des Buches aus. Anders, als es hier vielleicht erscheinen mag, wirkt das Buch beim Lesen überhaupt nicht erfunden, im Gegenteil, es weckt mit jeder Zeile die Frage nach der Authentizität der erzählten Geschichte, ohne sie allerdings zu beantworten. Das Buch wirkt wie eine Dokumentation, wie die um äußerste Präzision bemühte Rekonstruktion einer Lebensgeschichte. Nirgends zielt es auf sentimentale Rührung. Es ist fast nicht zu glauben, wie dieses Buch es versteht, seine Geschichte über 50 Jahre nach dem wirklichen Geschehen in dieser Dringlichkeit zu erzählen. (tp)