Interview mit Bernhard Schlink - Übersetzung

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inviewed by RON HOGAN - - - Übersetzung von Helge Brauer

Ich habe mich um möglichst wörtliche Übersetzung bemüht. Eventuelle sprachliche Ungereihmtheiten sind hinzunehmen.



Der Vorleser, der erste Roman des deutschen Autors Bernhard Schlink, der für englische und amerikanische Leser übersetzt wurde, ist eine Geschichte über Michael, einem deutschen Jugendlichen, der eine ungewöhnliche romantische Affäre mit einer älteren Frau hat, die Hanna heißt. Sie verschwindet plötzlich aus seinem Leben, taucht aber Jahre später wieder auf, als er als Jurastudent Gerichtsprozesse verfolgt. Sie ist angeklagt wegen ihrer Rolle als Aufseherin in einem KZ. Die schweren moralischen und ethischen Fragen, die sich Michael stellt, sind für deutsche Leser genauso leicht zu verstehen wie für Leser in anderen Ländern, in die Schlinks Buch übersetzt wurde. Ich sprach mit Schlink während seiner Reise durch Amerika, wo die Reaktionen der Kritiker sehr positiv waren.

RH: Standen Ihnen die Leser ihres Buches "Der Vorleser" nicht kritisch gegenüber, weil Sie ja in erster Linie in Deutschland als erfolgreicher Krimi-Autor bekannt sind?

BS: Nicht wirklich. Meine Geschichten sind wirklich nicht so einseitig, dass sie nur über eine Straftat berichten, sie behandeln auch die jüngere deutsche Geschichte. So war diese Geschichte nichts völlig Neues. Aber das Publikum, das ich mit diesem Buch erreicht habe, war viel größer, als das, das ich mit meinen Krimis erreicht habe.

RH: Michaels Erzählung der Geschichte aus einer inneren Sichtweise erzeugt eine sehr nachdenkliche und selbstbeobachtende Stimmung.

BS: Man kann sich an Dinge, die in einem Leben eine wirklich große Rolle spielten, nicht ohne Nachdenken und Reflektion erinnern. Ich glaube, es gibt nicht so etwas wie eine lückenloses Gedächtnis.

RH: Und dieses Nachdenken scheint entscheidend dafür zu sein, wie die modernen Deutschen sich mit dem Problem ihrer Vergangenheit und ihren unmittelbaren Vorfahren auseinandersetzen.

BS: Dies ist eine der großen Aufgaben meiner Generation. Für viele Familien ist dies ein persönliches Problem, weil es spielt Väter und deren Kinder gegeneinander aus. Einer meiner Lieblingslehrer, der der mir Englisch beibrachte, brachte mir bei diese Sprache zu mögen. Er unterrichtete uns auch in Sport und wir konnten seine SS Tätovierung sehen. Auf dem einen oder anderen Weg ist dieses Problem für uns alle nicht nur rein theoretischer Natur, sondern es ist ein sehr reales und persönliches Problem.

RH: War dieses Buch hauptsächlich für den deutschen Markt bestimmt? Das Problem für den amerikanischen Leser ist, dass, auch wenn dieses Buch heftig in Deutschland diskutiert würde, er nichts davon zu hören bekäme, weil unsere Auseinandersetzung mit der europäischen Literatur so gering ist.

BS: Es gab viele Bücher kurz nach dem Krieg, und dann hatten wir nicht sehr viele Bücher in den Fünfzigern und Anfang der Sechziger. Die Literatur der Sechziger bis zu den Achzigern behandelte hauptsächlich den eigentlichen Holocaust. "Der Vorleser" ist eins der ersten Bücher glaube ich, das aufzeigt, wie die nachfolgende Generation mit dem umgeht, was die vorhergehende getan hat. Das ist der Grund, wieso das Buch so ein Interesse erregt. Meine Generation und auch die nachfolgende Generation wollte etwas haben, das sich mit der Frage befasst, wie wir mit dem Holocaust und der Teilnahme unserer Rollenmodelle darin umgehen.

RH: Vielleicht sind diese Fragen ein Gewinn ein gewisser Vorsprung in der heutigen deutschen Kultur als ein Effekt der Wiedervereinigung, als die Deutschen gezwungen wurden sich zu fragen, was es heißt wieder ein Deutschland zu sein.

BS: Ich glaube, dass ist richtig, aber die Wiedervereinigung hat auch Fragen über Deutschland aus der Sicht des Auslandes aufgeworfen. Da sind neue Sorgen, neue Interessen und neue Fragen wie der Rest Europas und Amerika mit einem wiedervereinigten Deutschland leben werden. Und die Frage,wie die ehemalige DDR mit der Vergangenheit zurecht kommt, ist eine sehr realistische und aktuelle Frage, die sich mit der Nachwirkung des Zusammenbruchs des Kommunismus beschäftigt und Vergleiche -- richtig oder falsch -- sind unvermeidbar. Aber wir alle haben bemerkt, dass Deutschland eine Nation mit einer besonderen Vergangenheit ist, und wir alle müssen mit dieser Vergangenheit umgehen.

RH: Was werden sie als nächstes machen?

BS: Meine zwei Kriminalromane waren immer dazu bestimmt die ersten Teile einer Triologie zu sein, so werde ich den letzten Kriminalroman schreiben, der sich mit Deutschlands Nachkriegsgeschichte beschäftigt. Der erste beschrieb, wie die Vergangenheit des Dritten Reiches immer noch Nachwirkungen auf unsere heutige Zeit hat; der zweite war über '68 und den Terrorismus der siebziger Jahre. Und der dritte wird über die Zeit nach der Wiedervereinigung berichten.